Deutscher Bundestag

191213 rede afbg

Heute hat der Bundestag den Entwurf der Bundesregierung über ein Gesetz zur Änderung der Austiegsfortbildungsförderungsgesetzes debattiert. Beate Walter-Rosenheimer hat zusammen mit der Grünen Bundestagsfraktion einen eigenen Antrag  zum Thema "Weiterbildung stark machen" eingebracht. Dazu sprach sie auch im Plenum.
Sehen Sie hier die ganze Rede.

 

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,  

das Wichtigste in unserem Land sind die Menschen mit ihrem Können, mit ihrer Kreativität, mit ihrem Engagement. Nicht umsonst wird Deutschland als Land der Dichter und Denker bezeichnet.

Gut, eine Vorstellung aus alten Zeiten – aus der Romantik – mag sein. Und doch gerade in diesen Zeiten, in dieser Debatte so gültig und wichtig wie lange nicht mehr.

Durch die Digitalisierung der Arbeitswelt und den ökologischen Wandel haben sich Berufsbilder und Qualifikationsprofile schon verändert und werden sich weiter massiv verändern. Und darauf brauchen wir Antworten.
Weiterbildung ist  der Schlüssel zu Fachkräftesicherung, Innovationsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit.

Um Menschen die Möglichkeit zu geben, diese Veränderungen für sich positiv zu nutzen und nachhaltig zu gestalten, brauchen wir im Verlauf des Arbeitslebens regelmäßige Weiterbildung in Form von zeitgemäßen beruflichen Qualifikationen.

Wir Grüne wollen mit unserem Antrag eine Vertiefung persönlicher Kompetenzen im Beruf fördern und Weiterbildung breit und für alle aufstellen. Weiterbildung muss ein zentraler Baustein sein im Bildungswesen, um Menschen fit für die Zukunft zu machen.

Und Ihr Gesetzentwurf enthält schon richtige und wichtige Punkte, bei denen wir mitgehen.

Wir finden es gut, dass nicht mehr nur eine, sondern im beruflichen Aufstieg, mehrere aufeinanderfolgende Fortbildungen gefördert werden können.
Wir finden es gut, dass beim Unterhalt der Weiterbildungsinteressierten auf Vollzuschuss umgestellt wird und dass bei den Weiterbildungsmaßnahmen der Zuschuss von 40 auf 50 Prozent erhöht wird.
Und es ist richtig den Darlehensanteil bei den Fortbildungsmaßnahmen zu verringern, wenn zum. Beispiel eine Prüfung bestanden wurde, eine Existenzgründung vorliegt oder jemand wenig verdient.

Soweit klingt Ihr Gesetzentwurf nach schöner neuer Weiterbildungs- Welt. Und das meine ich jetzt durchaus ernst.  Angekommen im Zeitalter der Digitalisierung, der ökologischen Transformation und zukunftsfähig was die Fort- und Weiterbildung in Deutschland betrifft.

Aber: Das alles ist Nichts in unseren Augen OHNE einen RECHTSANSPRUCH auf Weiterbildung!

Denn ohne dieses Recht bleibt Ihre Weiterbildungsstrategie eine leere Hülse.

Dem Wunsch nach Weiterbildung muss doch auch die Möglichkeit folgen, dies umsetzen zu können.

Das heißt, wenn z.B.  eine Bürokauffrau beschließt, sich im digitalen Bereich weiterzubilden und auch alles genehmigt bekommt, die Arbeitgeberin dann aber sagt: „Nein! Das geht bei mir nicht!“ dann sieht es schlecht aus.

Dann fällt diese schöne neue Welt der Weiterbildung wieder in sich zusammen. Deshalb geht es ohne Rechtsanspruch nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Der gute Wille allein genügt eben nicht. Freiwilligkeit genügt nicht.

Und es braucht natürlich einen Freistellungs- oder Teilfreistellungsanspruch mit einem garantierten Rückkehrrecht auf Vollzeit. Das korrespondiert ja mit dem Rechtsanspruch. Denn wer Zeit für Weiterbildung braucht und sich auch weiterbilden darf, der braucht auch das Recht im Betrieb Auszeit oder Teilzeit zu nehmen und die Zeit zu bekommen, die dafür erforderlich ist und dann auch wieder in Vollzeit zurückkehren zu können. Und dabei muss man ja auch daran denken: so eine Weiterbildung ist durchaus anstrengend und sie nützt nicht nur den Arbeitnehmerinnen, sondern auch den Betrieben. Deshalb brauchen diese Weiterbildungswilligen Planungssicherheit und ausreichende Gesetzliche Vorgaben.

Und sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, Weiterbildung benötigt nicht nur Zeit, sondern sie braucht auch Geld.
Wir Grüne wollen deshalb das  Aufstiegs-BaföG zu einem  Weiterbildungs-BaföG entwickeln.

Damit wollen wir erreichen, dass nicht nur der Aufstieg, sondern quasi auch der „Seitenstieg“ gefördert wird. Was meinen wir damit?

Unserer Meinung nach muss es möglich sein, eine Karriereleiter nicht immer nur Sprosse für Sprosse nach oben zu gehen und dabei gefördert zu werden, sondern wir wünschen uns auch Förderung von Weiterbildung auf der Qualifikationsebene, auf der sich jemand schon befindet. Also sich im wahrsten Sinne des Wortes eben einen  „Seitenstieg“. Das bedeutet, die Möglichkeit zu haben, sich breiter aufzustellen auf der eigenen Qualifikationsebene  – dort mehr Wissen zu erlangen und weiterkommen zu können, wo man es braucht. Profilgenau.

Wir müssen also viel mehr Geld in Weiterbildungsmaßnahmen stecken, die nicht nur der persönlichen Karriereleiter dienen, sondern auch Profile und Fertigkeiten sinnvoll ergänzen.

Auch hier muss eine Finanzierung durch das AFBG eröffnet werden. Wichtig ist allerdings, dass die Maßnahmen anerkannt und zertifiziert sind.

Liebe Kollegen und Kolleginnen, Rechtsanspruch auf Weiterbildung, Recht auf Freistellung, gute finanzielle Förderung, Seitenstieg statt nur Aufstieg... und richtig rund wird das Ganze mit einer qualitativ hochwertige Weiterbildungsberatung. Da reicht es eben nicht nur Online-Profile zu erstellen und Online-Kurse anzubieten.

Wir brauchen Menschen mit pädagogischem und psychologischem  Wissen, die eben nicht nur Kurse verkaufen, sondern auch Kompetenzen erfassen, Persönlichkeit erkennen, Ziele identifizieren, eine. Bestmöglichen Überblick über die Weiterbildungslandschaft geben und Finanzierungsmöglichkeiten erklären.

Also mein Fazit für heute: Dichten. Denken. Weiterbilden. Und die Weiterbildung so stark machen, wie sie es braucht. Und allen Menschen Chancen darauf eröffnen.

Beate Walter-Rosenheimer Bild