Deutscher Bundestag

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Bloß nicht auffallen... Auswendig lernen... Einkaufslisten oder Geschichten für die Kinder. Wegstrecken bildlich ins Gedächtnis bekommen. Den Arm in eine Schlinge stecken und andere bitten, das Formular auszufüllen. Bei Spieleabenden mit Freunden absagen. Wer soll die Quizfragen für einen vorlesen? Im Restaurant immer dasselbe von der Karte bestellen.

Ca. 6 Millionen Menschen in unserem Land können nicht sinnverstehend lesen und schreiben. Leben mit Tricks und Ausreden, um das zu verbergen. Der Stress ist hoch und der Aufwand, das zu verbergen. Die Scham ist oft groß und die Stigmatisierung auch. Noch nicht mal eine nicht so stigmatisierende Bezeichnung gibt es. „Funktionaler Analphabetismus“ aber auch „geringe Literalisierung“ ... klingt nicht so richtig wertfrei. Die meisten Betroffenen haben Deutsch als Muttersprache.

Kinder und Jugendliche sind mehr als nur Schülerinnen und Schüler. In den letzten Wochen und Monaten im Corona-Ausnahme-Modus konnte man aber viel zu oft diesen Eindruck gewinnen, denn die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen fanden kaum Beachtung. 

Die unterschiedlichen Zugängen und Formate der kulturellen Kinder- und Jugendbildung tragen dazu bei, dass Freiräume und Teilhabe für Kinder und Jugendliche jenseits des Schulalltags ermöglicht werden. 

Aktuell wird die Bundesregierung hier ihrer kulturpolitischen Verantwortung nicht gerecht. In den Corona-Hilfspaketen werden die bundesweiten zivilgesellschaftlichen Fachstrukturen der kulturellen Bildung nicht berücksichtigt. Stattdessen werden in dem Programm "Neustart Kultur" die Fachverbände der Kulturellen Kinder-und Jugendbildung übergangen. 

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„Alarmismus und Sensationalismus sind oft alles andere als produktiv, weil sie zu Überforderungsgefühlen und nicht zum Handeln führen.“
Diesen Satz hab ich gerade gelesen beim Stöbern in ein paar umweltpsycholgischen Arbeiten und Artikeln zum Thema Klimawandel, die untersuchen, warum Menschen den Klimawandel zwar sehen, selbst aber nicht handeln oder ihn gleich ganz leugnen. Die Aussage passt auch sehr gut zum Leugnen der Gefahren durch Covid-19.
 
„Die Zahlen, sie scheinen nicht zusammenzupassen. Zum Beispiel beim Fliegen: Fast die Hälfte der Deutschen kann sich vorstellen, der Umwelt zuliebe auf Flugreisen zu verzichten. Trotzdem steigt die Zahl der Flugreisen weiter an. Oder beim Fleisch: Gut 60 Prozent wären bereit, deutlich weniger davon zu essen, doch der Fleischkonsum in Deutschland bleibt konstant. Man sieht es auch bei großen Autos: Ein Viertel der Deutschen wäre dafür, SUVs komplett zu verbieten. Aber die Spritschlucker boomen im Verkauf.“ Maria Fiedler hat das im Tagespiegel sehr gut beschrieben.
 
Für unser Handeln in der Politik stellt sich neben dem politisch Erforderlichen, also der Frage, wie gießen wir Erkenntnisse in Gesetzentwürfe oder Anträge, immer auch die Frage, wie nehmen wir Menschen mit?

Beate Walter-Rosenheimer Bild